Restaurant-Tester: der Spion, der aus der Küche kam!

Restaurant-Tester: der Spion, der aus der Küche kam!

Wie sie getarnt sind, worauf sie achten und in welche Fallen selbst eingefleischte Kochprofis tappen: Restaurantkritiker sind Agenten des guten Geschmacks – und gnadenlos objektiv. Ein Whistleblower der feinen Küche berichtet anonym, wie er hoch dekorierten Herdhelden bei verdeckten Einsätzen in die Töpfe guckt und dabei so manchen Aufschneider ´grillt´.

Sie kommen allein oder im Team, sind mit Messern bewaffnet und als Rentner, Familien oder unliebsame Gäste getarnt. Unauffällig taxieren sie das Terrain. Ob Speisekarte, Weinkarte oder Service: Ihr rastloser Blick ruht nie. Keine verrutschte Serviette, verknitterte Decke, kein fleckiges Glas, gar versiffter Teppich und keine Staubmaus am Tischbein entgeht ihnen. Eine tollpatschige Kellnerin, ein Gast, dessen Geduld auf die Probe gestellt wird? Fatal! Ein Stückchen Schale in der Walnuss, lauwarme Pasta, knirschender Feldsalat? Tödlich! Auch störender Rauch vom Nachbartisch, Püree aus der Tüte oder mangelnde Sensibilität für die Wünsche von Vegetariern sowie eine überteuerte Delikatesse können bereits das Aus sein für die gute Reputation eines Restaurants. All diese Makel werden messerscharf registriert und mit einer geistigen Notiz markiert – für den späteren Verriss. Wer den verdeckten Ermittler belehrt, verstimmt oder warten lässt, hat schon den ersten Wettbewerbsnachteil im atemlosen Herd- Parcours um seine Gunst. Diese ist heiß umkämpft, leicht zu verspielen und vor allem – nicht einfach zu erringen.

Die Küche ist nicht genug

Exquisites Essen und edle Champagner-Marken lassen den Connaisseur mit keiner Wimper zucken. Als Fachjournalist hat er schon das protzige Interieur so mancher Gourmet Tempel gesehen – und anschließend per Rezension flambiert. Der Chef-Sensoriker stimuliert seine Geschmacksknospen nur zu Analysezwecken. Er kennt die teuersten Trüffelsucher der Provence mit Namen und seufzt gelangweilt, wenn der Kellner die kulinarischen Highlights des Hauses aufzählt. Ob Maronen-Crèmesüppchen mit weißem Albatrüffel, Steinbuttfilet an Safransauce, Garnele mit Kokos-Chili-Kaffirfumet, Saint Jacques mit schwarzem Trüffel, Rotbarbe, Wachtelbrust oder vollendet durchkomponierte Crème brûlée: All diese Raffinessen nötigen ihm nur ein mattes Lächeln ab.

Kommando mit Killer-Instinkt

Als Einsatzleiter dirigiert er oft ein Heer von Agenten. Diese haben eine umfangreiche Bewertungsskala und nur eine Mission: die schwarzen Schafe der Branche zu grillen. Dazu kratzen sie gezielt an der Fassade, um eventuelle Risse zu offenbaren. Auch unter ihresgleichen kennen sie kein Pardon, Geheimhaltung hat oberste Priorität. Beim geringsten Verdacht, dass der Kollege nur Freunde testet, erpressbar ist oder allzu wohlwollend agiert, wird er ausgeschaltet. Entsprechend sei das Team geschult. Weil ein einzelner Gast mit aufmerksam schweifenden Blicken selbst Hilfskellnern schnell suspekt ist, treten die Inspekteure oft als Kleingruppe auf. Ihre Kleidung darf nicht merkfähig sein. Die Uniform des Restauranttesters bestehe aus Anzug und Krawatte, je durchschnittlicher, desto professioneller.

„Einer unserer besten Tester hatte ein Faible für Westernstiefel. Sein Schuhwerk sprach sich herum und wurde rasch zum Erkennungsmerkmal für die Küchenchefs. In der Branche war er praktisch verbrannt, deshalb mussten wir ihm kündigen.“ Indizien dafür, dass man vorzeitig erkannt wird, gäbe es viele: ein Foto-Konterfei hinter der Theke, ein vielsagender Blickwechsel des Servicepersonals oder übertriebene Aufmerksamkeit des Personals beim Aufnehmen der Bestellung. Auch ein plötzlicher Kellner-Wechsel am Ausschank sei verdächtig. Die Bedienung erfolgt dann gezielt aus erster Hand, man will kein Risiko durch unerfahrene Hilfskräfte eingehen: Tester sind dafür bekannt, auch peinliche Fragen zu stellen, um die Frustrationstoleranz auszureizen.

Küchenpatzer in aller Munde: Kritik an der Kritik

Ist die Katze aus dem Sack, der Verriss öffentlich platziert, beginnt das Kesseltreiben oft erst richtig. Der eine oder andere Küchengott, gewohnt von seiner Entourage hofiert zu werden, reagiert dann narzisstisch verwundbar. Offene Briefe, Richtigstellungen und zornige Repliken der Gescholtenen seien an der Tagesordnung: „Da dampft und brodelt und zischt es dann aus jeder Zeile.“ Auch würden journalistische Ehrenkodexe von Unparteilichkeit beschworen. Aber genau diese Unbestechlichkeit zeichne ja einen guten Restaurantkritiker aus. Deshalb komme es einem Harakiri gleich, wenn der Küchenchef sich anbiedere, besonders mit Stacheldrahtsätzen wie: ´Das geht aufs Haus.´ Als No-Go sei das kaum mehr zu toppen – voll eingeschenkt! Entsprechend saftig wird die Enthüllung ausfallen!

Marschall des guten Geschmacks

Auch andere Fauxpas führten unweigerlich zu Abwertung, Warenunterschiebung zum Beispiel: Stehe Sauce béarnaise auf der Karte und werde dann ein Dressing auf Mayo-Basis serviert oder ein Kaviar-Substitut vom Lachs oder Hering aufgetischt, schade das dem Ruf eines Restaurants erheblich. Dem Gast mag das schon mal entgehen, nicht aber dem geschulten Gaumen eines Zensors. Unser Informant: „Hinterher wird oft heftig dementiert: Das Ganze sei nur ein Versehen der Küche oder gar eine üble Unterstellung. Natürlich bin ich nicht unfehlbar. Deshalb gucke ich einfach mal in die Töpfe oder auf die Anrichte, wie wertig die Produkte und wie frisch die Zutaten wirklich sind: Anlass für eine Entschuldigung bestand bisher noch nie.“ Sei der erste Eindruck positiv, empfehle sich ein Nachhaken: Vielleicht hatte der Koch ja nur einen guten Tag – oder gut abgeschrieben. Denn viele selbstberufende Küchenkünstler würden der digitalen Versuchung erliegen und die Gerichte einfach „copy-pasten“: Sie klicken sich dann per Google durch die Speisekarten großer Kollegen wie Sven Elverfeld, Christian Bau oder Juan Amador. Diese werden dann nur geringfügig abgewandelt. Das sei alter Wein in neuen Schläuchen, mit Kreativität habe das nichts mehr zu tun.

Ein Gast mit spitzer Zunge

Manfred Kohnke, Chefredakteur des „Gault Millau“, kennt die Marotten der Maîtres wie kein zweiter. Fortgeschleppte Manierismen zerren an seinen Nerven. So werde alles, was sich nicht wehrt, neuerdings mit Balsamico verziert oder mit Chili geschärft, vom Hummer bis zur Schokolade, moniert der Kritiker- Papst in einem Online-Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Eine vergleichbare Landplage seien lasche Sommertrüffel, von kalten Gurkensuppen im Reagenzglas fühle er sich regelrecht verfolgt. Der Vollblut-Journalist provoziert schon mal mit mokanten Einlassungen – zum gewagt kurzen Rocksaum einer Gastronomen-Gattin oder zu sinnenfrohen Küchenchefs, die notorisch jeder Schürze nachjagen.

Der Gastro-Szene den Puls gefühlt

Die pikanten Zwischennoten scheinen die Auflage des Gault Millau nicht zu schmälern, laut Aussage der Redaktion lebt er sogar von solchen kleinen Sottisen. Jenseits von Schmähkritik wird der Guide auch als amüsantes Lesefutter goutiert: Restaurantkritik beinhaltet eben immer ein Quantum Entertainment. Vorrangig beurteilt sie natürlich die kulinarische Gesamtlage. Großes Lob vergab Manfred Kohnke wiederholt an die Kulinarik von Klaus Erfort, den seine Redaktion auch jetzt wieder als Koch des Jahres auszeichnete. Anerkennungen wie diese sind der Ritterschlag für ambitionierte Sternenfänger. Kohnke über Erfort: „Sein Ideenreichtum ist beeindruckend, zum Beispiel bei einem mit Langustine gefüllte Raviolo aus Milchhaut in grünem Gazpacho oder bei Gänsetopfleber in hauchdünnem, gepfefferten Ananasmantel.“ In seinem Perfektionsstreben sei er von nur einem Gedanken beseelt: dass es seinen Gästen schmecke.

Bildnachweis:  ChenPG, Fotolia.de
DR. C. ROOSEN

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview


Würden Marty McFly und Doc Brown, die Helden aus Robert Zemeckys Science-Fiction-Film-Trilogie Zurück in die Zukunft, mit ihrer Zeitmaschine abermals 35 Jahre vorwärts düsen, in was für einer Welt würden sie dann wohl landen? Sven-Gabor Jánszky über Gesellschaft, Technik, Umwelt, virtuelle Realitäten und den Alltag im Jahr 2050. 

Herr Jánszky, Ihr Zukunftsinstitut „2b AHEAD“ gilt als Deutschlands innovativste Denkfabrik. Sind die großen Wirtschaftsführer bereit für Ihre Prognosen oder orientieren sich viele Unternehmer immer noch lieber an Erfahrungswerten aus der Vergangenheit?

Jánszky: Innovationen vollziehen sich nicht immer freiwillig, manchmal eher aus einem Leidensdruck heraus. Der Wettbewerbsdruck ist immens, die Angreifer kommen von der Seite oder aus dem Internet.

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ (Kaiser Wilhelm II)

Sie sind der Shootingstar unter Deutschlands Trendforschern, Ihre Prognosen beeinflussen die Zukunftsplanung der Marken-, Medien- und Technologie-Branche weltweit. Woher beziehen Sie Ihre Information?

Jánszky: Wir arbeiten auf Institutsebene nach der so genannten Delphi-Methode, das ist qualitative Sozialforschung.

Das gleichnamige Orakel von Delphi hat den Befehlshabern der Antike ja schon mal nach dem Mund geredet …

Jánszky: Wir schauen den Entscheidern lieber auf den Mund, indem wir den Strategie-, Innovations- und Technologie-Chefs international zuhören. Topmanager denken in der Regel nicht nur branchenintern, sondern vor allem Branchen übergreifend. Ich frage dann: „Was tut ihr heute? Warum tut ihr es? Wo investiert ihr rein? Was glaubt ihr, was dann geschieht?“ Daraus berechnen wir die Schnittmenge, das erhöht die Trefferquote. Um die Zukunftsplanung großer Konzerne verantwortungsvoll zu begleiten, hat jede Prognose einen knallharten Realitätstest zu bestehen.

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview
Trendvisionär & Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. Foto: Joerg Glaescher

Lassen Sie uns Ihren Think Tank etwas anzapfen: Wie würde ein Tag wie heute in der Zukunft aussehen: Aufstehen, Kinder wecken, Frühstücken und dann die Fahrt zur Arbeit?

Jánszky: Selbstbestimmt und ferngesteuert zugleich: Das Internet wird zum „Evernet“, in dem jeder Haushaltsgegenstand eine eigene IP-Adresse besitzt. Die Gegenstände tauschen dann untereinander Informationen aus, sind individuell auf unsere Bedürfnisse abgestimmt.

Da steht dann zum Beispiel ein lebensechter Pinguin als Hologramm im Kinderzimmer und wird zum freundlichen Wecker, während die Screen-Tapete einen sanften Sonnenaufgang zeigt?

Jánszky: Sehr plausibel, ebenso wie intelligente Assistenten, die uns durch den Tag begleiten und alle wichtigen Infos verfügbar machen. So empfiehlt die Navi aus dem Badezimmerspiegel heraus, etwas früher zu starten und lieber die Autobahn zu nehmen.

Wenn der Kühlschrank anruft und der Badspiegel vor Verkehrsstaus warnt, ist das natürlich praktisch. Bitte werfen Sie auch ein futuristisches Schlaglicht auf Schule und Ausbildung: Wird es noch Lehrer geben?

Jánszky: Die Krux ist ja: Jedes Kind, das mit einem Handy umgehen kann, weiß schon heute in Sekundenschnelle mehr als der Lehrer. In der Zukunft muss man sich das so vorstellen: Um Lehrer und Schüler herum hören Uhren, Brillen und Handys mit, das sind ca. 20 bis 30 Geräte. Sie verstehen die Frage, extrahieren alle Keywords und spielen dann die Antwort in im Handumdrehen in das Blickfeld des Kindes.

Macht das unsere Sprösslinge nicht denkfaul?

Jánszky: Es wird neue Schulfächer geben: das Schulfach „Mut“, das Schulfach „Verantwortung“, dann „Teamarbeit“, „Reflexion“ oder „Programmieren“. Lehrer sind keine Wissensvermittler mehr, sondern eher  Trainer, mit dessen Hilfe Kulturtechniken erworben werden können.

Müssen die Kids überhaupt noch Englisch oder Französisch büffeln oder können wir uns in naher Zukunft einfach per Übersetzer-Chip verständigen?

Jánszky: In zwei bis drei Jahren spricht jeder computergesteuert in jeder Sprache mit jedem. Spontan auf Indisch verhandeln? Kein Problem. Funktioniert ja schon heute via Google, obwohl das Programm noch Schwächen hat. Eine Sprache wirklich zu beherrschen, erzeugt jedoch emotional Nähe, insofern bleibt der Sprachunterricht relevant.

Unter Futuristen kursiert die abenteuerliche Prognose, es sei möglich, menschliche Gehirne in Rechner zu übertragen. Die Maschinen könnten uns dann von Krankheit und Tod befreien bzw. zu unsterblichen Überwesen transformieren. Ist so eine digitale Himmelfahrt realistisch?

Jánszky: Nicht auszuschließen, dass das in 40 bis 50 Jahren möglich ist, hier bewegen wir uns noch im Signalstadium. Realistisch ist, dass schon unsere Enkelgeneration signifikant länger lebt. So lassen sich aus eigenen Zellen Organe künstlich produzieren. Eine neue Leber, ein neues Herz wird dann vom Körper nicht mehr abgestoßen. Auch die Anwendung der Gentechnik in Pharmazie und Medizin ist nicht mehr aufzuhalten.

Rasante Fortschritte in der Genforschung: Wird „Jurassic Park“ schon bald Realität?

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview
Stillgelegte Gene reanimiert: Horrorvision „Jurassic Park“. Foto: Helen Fialtova – Fotolia

Macht das eigentlich Sinn, sich im unheilbaren Krankheitsfall einfrieren zu lassen, im Vertrauen auf die Medizin der Zukunft?

Jánszky: Das ist realistischer als die Hirngeschichte. Es gibt schon heute eine Handvoll Anbieter dafür, etwa 4.500. Postmortal frieren diese den kompletten Körper ihrer Klienten ein, wahlweise auch nur den Kopf, um den es ja eigentlich geht. Unzählige sind schon eingefroren, manche lösen dafür sogar ihre Lebensversicherung auf.

Aber bisher ist noch niemand wieder aufgetaut worden?

Die Reanimation scheitert bisher daran, dass die Körperzellen kristalline Strukturen annehmen. Das zerstört die Zellfunktion. Es gibt jedoch bereits Patente, Zellen einzufrieren, ohne dass sie zu Eiskristallen werden. Bis dahin regiert das Prinzip Hoffnung.

Wird denn der Krebs besiegt sein?

Jánszky: Definitiv, wie alle anderen genetisch bedingten Krankheiten. Die Fortschritte in der Genetik vollziehen sich rasanter als in der Computerindustrie und das will was heißen. Spätestens 2025 können solche Gendefekte meines Erachtens endgültig behoben werden.

Zur Zeit werden Roboter vorrangig in der Industrie eingesetzt. Welche anderen Lebensbereiche werden vom Robotereinsatz profitieren? Digitale Haustiere müssten z. B. nicht ständig beaufsichtigt werden und wären auf Anhieb stubenrein. Auch Fantasiewesen wie Drachen oder Einhörner könnten Bello dann Gesellschaft leisten …

Jánszky: Die Japaner zumindest sind ja schon auf den Hund gekommen: Techniktüftler präsentierten unlängst den Prototyp eines Wachhundes mit dem wenig kuscheligen Namen „T7S Type 1“. Wirklich angsteinjagend ist der Vierbeiner jedoch nicht, erinnert mehr an eine Schildkröte. Kurz gesagt: Dass jeder mit einer kleinen Blechbüchse herumläuft, die ein Gesicht hat, bezweifle ich. Intelligente Geräte sind jedoch ein Riesentrend. In der Realität wirds dann eher so aussehen, dass der Herd oder das Auto denken und kommunizieren kann.

Braucht der Mensch dann eigentlich noch einen Führerschein?

Jánszky: Der Autopilot wird ja schon heute in weniger komplexen Verkehrssituationen eingesetzt: Spätestens 2030 sind Lenkräder nur noch ein nostalgisches Accessoire. Fünf Jahre muss man für die Durchsetzung rechnen, dann werden selbstfahrende Autos den Massenmarkt erreicht haben. Anfangs ist das natürlich eher ein Oberklassen-Komfort.

Tesla-Chef Elon Musk treibt sein SpaceX-Projekt voran, andere Visionäre erträumen die Marsmission 2035. Lässt sich das verwirklichen?

Jánszky: Die Mars-Mission ist wahrscheinlich schon 2022 erfüllt, vorher werden bereits niedrigere Orbits besetzt. Den Sprung in die Eroberung des Weltalls werden wir fast alle noch erleben. Zur Zeit wird leider immer noch die Technologie der 80-ger Jahre genutzt, das Zeug ist bis zu dreißig Jahre alt. Die Innovationszyklen vollzogen sich soweit eher langsam. Die neue SpaceX-Technologie ist jedoch kostengünstiger, ihre Qualität nimmt zu. Aktuell sponsert die amerikanische Regierung solche Projekte verstärkt. Wir steuern auf einen Quantensprung zu. Es wird eine Flotte von 600 bis 800 Mini-Satelliten werden, jedoch mit ungeheurer Bandbreite.

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview
Mars-Kolonie: Schöner Wohnen im Weltall. Foto: AND Inc – Fotolia

Deutschland versucht gerade die Ökologiewende. Wie weit kommen wir damit und wie wird das z. B. unser Ernährungsverhalten prägen: Werden wir alle zu Veganern?

Jánszky: Vegan ist ein Mini-Trend und wird sich nicht durchsetzen. Die Mittelschicht in Asien wächst und adaptiert zunehmend den westlichen Lebensstil. Ein dramatischer Anstieg im weltweiten Fleischkonsum steht bevor. Mit dann bis zu 11 Milliarden Menschen weltweit ist der Bedarf jedoch kaum zu decken. Allein das Methan der Kühe kann die Ozonschicht zerstören. Deshalb wird Fleisch irgendwann industriell hergestellt sein.

Eine gute Nachricht für besorgte Tierfreunde! Wie werden die Fleischzellen denn geklont?

Jánszky: Die Steaks kommen dann aus dem Drucker. Manchen Gourmets hebt das die Zähne. Wer jedoch preisbewusst einkauft, wird sich freuen: Die digitalen Filets haben einen identischen Geschmack, sind jedoch viel günstiger, kosten dann vielleicht nach heutigem Währungsstand nur 1 €.

Kann man eigentlich mit dem genetischen Material von Fossilien längst ausgestorbene Tiere wie Mammuts wieder zum Leben erwecken? Ein Bronzezeit-Zoo wäre doch die Attraktion für Kinder …

Jánszky: Ad hoc mal eben künstliche Tiere zu produzieren ist schon ein gravierender Eingriff in die Evolution und sollte überdacht werden.

Weil uns dann eine Szenerie wie aus dem Science-Fiction-Horror-Film „Jurassic Park“ droht – als Strafe, dass wir Gott spielen wollten?

Jánszky: Es ist nicht nur eine Frage der Ethik: Nahrungsketten, die sich in der Vergangenheit als unökonomisch erwiesen hatten, entstehen aufs Neue. Schließlich wurden die Mammuts von der Evolution aussortiert, um ein bestimmtes Gleichgewicht zu erzielen. Man würde damit schon massiv in den Lauf der Natur eingreifen und ihre Gesetze missachten.

Die Grundstücke in den Städten werden immer teurer. Erste Konzepte zeigen Häuser, die zum Großteil unter Wasser liegen …

Jánszky: Teure Unterwasser-Hotels für erlebnishungrige Touristen, die mit großem Aufwand betrieben werden, sind natürlich denkbar und schon jetzt in Planung. Für komplette Städte oder Zivilisationen wäre der Aufwand zu hoch. Schwimmende Häuser, die sich mit dem Wasserpegel heben und senken, gibt´s natürlich schon. Für ein Leben unter Wasser ist der Mensch jedoch nicht geschaffen, das ist dem Reich der Mythen vorbehalten.

Die Welt im Jahr 2050: Trendforscher Sven-Gabor Jánszky im Interview
Mythos Atlantis – Hochkultur unter Wasser. Foto: © anibal – Fotolia

Es wird wohl auch so schnell nicht möglich sein, sich wie in „StarTrek“-Filmen an einen anderen Ort zu „beamen“. Doch die Holo-Telefonate der Zukunft sollen sich ein wenig so anfühlen?

Jánszky: Beamen ist Utopie: Ein Organismus müsste mitsamt seiner kleinsten Atome zersetzt und an einem anderen Ort reproduziert werden. Virtuelle Realitäten werden jedoch schon in 10 Jahren unseren Alltag mit neuen Displays bereichern. Das Gegenüber steht dann beim Telefonieren als Hologramm im Raum, die perfekte Illusion. Auch Filme wird es geben, bei denen der Betrachter mitten im Geschehen steht. Die Helden laufen dann um ihn herum. Beamen wird jedoch vorläufig eine Utopie bleiben.

In dem Orwell-Roman „Schöne neue Welt“ wird kollektiv die Glücksdroge „Soma“ verabreicht. Welche Neuropusher, Nootropika oder Supernährstoffe könnten zukünftig unsere Denkleistung steigern?

Jánszky: Es gilt heute noch als Medikamentenmissbrauch, Ritalin & Co. zu schlucken. Solche aktivierenden Substanzen werden ja nicht gesunden Menschen, sondern ADHS-, Alzheimer- oder Schlafkrankheits-Patienten verordnet. Hier zeichnet sich eine Trendwende ab: In Labors wird schon jetzt nach psychoaktiven Wirkstoffen geforscht, die keine Nebenwirkungen erzeugen. Von Missbrauch kann dann nicht mehr die Rede sein. Eine Art Volksdroge, so happy sie uns auch macht, würde natürlich zunächst mal ethische Debatten auslösen.

George Orwell lässt grüßen: Werden auch wir dann in einem digitalen Überwachungsstaat leben? Erste Zeichen dafür gibt’s ja schon …

Jánszky: Da bin ich optimistisch, solche Apokalypse-Szenarien sehe ich nicht. Daten werden ja vorwiegend erhoben, um den Service zu verbessern, nicht zu manipulativen Zwecken. Gefahr besteht doch nur, wenn z. B. Google ein Monopol besäße. Dann hätte der Nutzer keine Wahl mehr, stattdessen ist er aber selbstbestimmter denn je. Es gibt an die 100 Suchmaschinen, auch wenn das Gros der Bevölkerung nur 10 bis 20 nutzt. Käme dann raus, dass Google seine Nutzer manipuliert, könnten das Programm mit wenigen Mausklicks komplett abgeschaltet werden. Davor haben sogar Giganten wie Google großen Respekt.

Menschheitstraum Zeitreise: Je näher man laut Einstein an die Lichtgeschwindigkeit von knapp 300.000 km pro Stunde herankommt, desto langsamer vergeht die Zeit. Wir müssten also „nur“ ein entsprechendes Raumschiff bauen ….

Jánszky: Ob wir wirklich eines Tages mit einem Sportwagen in die Zukunft düsen können, wie man es aus vielen Büchern, Filmen und Serien kennt, ist unklar. Ökonomisch wäre es nach heutigem Kenntnisstand nicht. Ein Astronautenteam müsste 5 Jahre lang ununterbrochen fliegen, um auch nur die geringste Zeitverschiebung zu erzielen. Sobald sie auf einem Planeten landen, der ein Gravitationsfeld hat, wird der Zeitvorsprung unwirksam. Nur, wenn wir ständig herumfliegen, wird die Alterung aufgehalten. Das ist Zukunftsmusik. Dann sollte man sich schon lieber einfrieren lassen! 😉

Hier schließt sich der Kreis. Gestatten Sie unserer Redaktion zum Schluss noch die Gretchenfrage: Wie hält es der Mensch der Zukunft mit dem Kaffee?

Jánszky: Durch den Klimawandel wird sich auch der Kaffeemarkt stark verändern. So könnte es der Arabica-Bohne in manchen Anbaugebieten zu heiß werden. Dialog-Plattformen wie zurheide-kaffee.de sind jedoch sehr zukunftsfähig: Die Menschen möchten einer Community angehören und sich aktiv einbringen. Wenn dann der Kaffee noch gut ist, um so besser!

DR. CLAUDIA ROOSEN

Weiterführende Links
Sven Gabor Jánszky auf Wikipedia, …
wikipedia.org/wiki/Sven_G%C3%A1bor_J%C3%A1nszky
… seiner Homepage
www.2bahead.com/
… sowie auf YouTube:
www.youtube.com/watch?v=VmtduwxwKK4

Schattenparty

Schattenparty – ein Roman von Claudia Roosen

Sabrina Setlur unplugged!

Sabrina Setlur unplugged!

Sabrina Setlur unplugged!

Sabrina Setlur über Songs, Songwriting, die komplexe Produktionsästhetik ihres neuen Solo-Albums und das Schubladendenken der wertenden Kritik

„Beste deutsche Hiphop-Künstlerin“(VIVA), 3-malige ECHO-Preisträgerin & die erfolgreichste Interpretin deutschsprachigen Raps überhaupt: Sabrina Setlur ist Medien-Aufmerksamkeit gewöhnt. Und ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad lernt ein Künstler mit seinen Ressourcen zu haushalten. Journalisten-Anfragen kritischer zu filtern. Ist vielleicht nicht mehr so greifbar. Umso positiver überraschte uns ihre Interview-Zusage. Nach kreativem Sabbatical ist die Autodidaktin jetzt mit neuer, musikalischer Agenda am Start – und bereit ihre Gedanken zu teilen. Doch ihr Markenzeichen, die Rebellion, sollen wir bitte nicht überzeichnen. Vollzieht sich da ein Imagewandel? Es ging ihr nie allein um Außenwirkung: Ein Talk mit Tiefgang im Auftrag von EDEKA Zurheide!

Sabrina Setlur, Sie sollen in Restaurants auch schon mal Sonderwünsche äußern: „Bitte die 115, aber mit der Beilage von der 68“ … 

Festgesetzte Speisekarten liegen mir nicht, denn ich spinne mir gern selbst ein Menü zusammen. Auch gefällt mir oft besser, was andere so auf dem Teller haben … 😉

Veganerin sind Sie demzufolge nicht?

Man muss nicht gleich Veganer werden, um Tiere zu respektieren. Gerade das Lebensmittel Fleisch verdient es mit Liebe und Sorgfalt zubereitet zu werden. Deshalb bin ich eine große Verfechterin von Esskultur: Was kann die Kuh dafür, wenn der Koch schlechte Laune hat!

Was gefällt Ihnen denn besser: Musik machen, Moderieren oder – wie aktuell – in Filmen mitwirken?

Wie viel Herzblut bei mir in der Musik steckt, zeigt vielleicht schon die Durchsicht meiner Diskografie: 7 Solo-Alben kommen nicht von ungefähr. Aber ich lass mich nicht gern auf eine Kunstrichtung abonnieren.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie für 2018 auch wieder eine musikalische Agenda haben. Wann wird Ihr neues Solo-Album veröffentlicht?

Ich rede nicht gern über ungelegte Eier. Die Arbeit an einem neuen Album ist nun mal sehr zeitintensiv. Wir wollen ja eine verführerisch funkelnde Klang-Kathedrale errichten und kein Minimal-Geklöppel abliefern.

Gibt’s denn schon einen Arbeitstitel? Vormals benannten Sie Ihre Alben oft nach einem Alter Ego: Schwester S., Sabs – wie wird Ihre neue, musikalische Unterpersönlichkeit 2018 heißen?

Es ist noch kein Titel verabschiedet. Anfangs schweben mir immer so an die 98.000 Namen vor. Oft werde ich gefragt: „Kommt jetzt Part 2 von Schwester S. oder Sabs?“ Das muss ich dann jedes Mal verneinen. Denn die Art, wie ich Gefühle wahrnehme und verarbeite, hat sich geändert, auch ihre Klangfarbe. Hochemotional sind die Songs aber immer noch.

Auch die technische Taskforce ist rekrutiert: Sie sollen jetzt mit einer neuen Produktionsgesellschaft zusammenarbeiten …

Bei der Konzeption eines neuen Albums denkt man natürlich darüber nach, welche Dinge man ändert und was man beibehalten möchte. Zum Beispiel die Stage-Performance oder die Geschwindigkeit der Beats. Speziell die Symbiose mit dem Produktionsteam ist mir wichtig, weil meine Texte stets sehr persönlich sind.

Sie sind Interpretin und Songwriterin in einer Person, entscheiden Sie auch über die Beats?

Musikalisch bin ich mit im Boot, klar. Das Technische überlasse ich jedoch lieber Tüftlern, die das besser können.

Ist der Hiphop immer noch Ihr Vehikel?

Das wäre mir zu pauschal. Solche musikalischen Etiketten werden heute schnell hinterfragt, nicht mal mehr „Schlager“ existiert ja noch als festes Genre.

Steuert man als studierte BWL-Fachfrau auch das Marketing mit? Sie hatten ja bisweilen Probleme mit der Identifikations-Sehnsucht der Boulevardpresse …

Kein Künstler kann es sich aber heute noch leisten einen Medienpartner zu verärgern oder auszuklammern.

Beinhaltet das auch ein selbstironisches Zugeständnis, so eine Art augenzwinkerndes Einvernehmen im Stil von Man kennt sich?

Na klar, doch die Zeiten haben sich geändert: Via Instagram & Co. kann ich die Außenkommunikation zum Teil stilprägend mitbeeinflussen. Generell übe ich heute etwas mehr Zurückhaltung und bin auch bei der Auswahl der Presseorgane vorsichtiger geworden.

Stehen Sie denn nicht gern im Mittelpunkt?

Ich bin kein Red-Carpet-Hunter, es sei denn, um eine aktuelle Arbeit vorzustellen. Auf jeder Filmpremiere aufkreuzen und sich dann als Star des Abends hinstellen, auch wenn es gar nichts vorzuweisen gibt, wäre ja auch absurd. Einladungen zu einem wirklich schönen Event folge ich jedoch gern.

Fürchten Sie vielleicht auch inquisitorische Blicke Schrägstrich Kritik?

Früher habe ich alles superpersönlich genommen. Aber als Mensch der Öffentlichkeit, der zuweilen auch polarisiert, lernt man, sich die Streicheleinheiten einfach selbst zu verschaffen und sich ein dickes Fell zuzulegen.

Sie moderierten schon Musikshows für Sender wie VIVA oder MTV und unlängst den NAPSTER Fanpreis in Hamburg. Für Pro7 saßen Sie in der „Popstar“-Jury. Wie fühlt es sich an die Seiten zu wechseln?

Es war eine durchaus interessante Erfahrung, den Mechanismus einer Castingshow kennenzulernen. Aber die Kandidaten taten mir oft irrsinnig leid, weil sie so vorgeführt wurden. Sie halten doch nur als Entertainment her für die Welt da draußen. Wie schnelllebig dieses Business ist und wie rasch man wieder weg vom Fenster ist, realisieren die meisten nicht. Und dann zerplatzt der Traum oft viel zu früh wieder …

Sind Sie als Kulturschaffende auch selbst schon mal in so eine Maschinerie geraten?

Glücklicher Weise wurde ich nie gecastet, auf so einen Menschenhandel hätte ich mich auch nicht eingelassen. Ich bin dankbar für meinen standhaften Background: den starken Support durch Familie und Freunde, die immer für mich da sind.

Als Künstlerin sind Sie vor allem der Gegenwart verpflichtet. Hatten Sie nie das Bedürfnis, die zahllosen Mythen und Märchen, die Ihre Vergangenheit umranken, zu korrigieren?

Da zähle ich zu den gebrannten Kindern und diese scheuen ja bekanntlich das Feuer. Ich definiere mich wirklich lieber über meine Kunst und aktuelle Projekte.

Gehören Sie auch zu denen, die sagen: „Glückliche Menschen schreiben keine guten Songs?“

Wenn man happy ist, hat man meistens keinen Schreibblock dabei: Man geht lieber raus und feiert. Gefällige Bienchen-und-Blümchen-Texte schreibe ich eher selten: Meine Gefühlswelt soll ja authentisch abgebildet sein. Wenn man nicht gerade im Schrank lebt, kennt man auch Emotionen wie Wut, Trauer und Schmerz. Niemand ist immer nur sanftmütig gestimmt.

Also lieber Klartext statt Gesülze?

In deutschen Songs treten harte Formulierungen natürlich deutlicher zutage und meine Kunst schöpft das volle Spektrum aus. Ich schreibe sie ja auch nicht für A, B, C, sondern in erster Linie für mich.

Kommen Sie denn nie in Versuchung die Diskussion Ihrer Fans im Internet zu verfolgen, wenn Sie etwas Neues herausbringen?

Setlur: Na klar! Zumal darunter auch Menschen sind, die meine Arbeit seit jeher unterstützen und begleiten. Deshalb würde ich gern mit einem kleinen Shout-out schließen – als Dankeschön an alle, die so viel Gutes in mir sehen und so viel Liebes und Herzliches schreiben, auch im Netz. Denn meine Fanbase ist mir stets Antrieb und Inspiration!

Claudia Roosen: Interview & Blogartikel für Zurheide Feine Kost, mit freundlicher Unterstützung von Sabrina Setlur & www.kick-management.de

Das tadellose Timing des Zeitfahrers Tony Martin

Das tadellose Timing des Zeitfahrers Tony Martin

Tony Martin über Taktik, Technik, Talent, eine Stadt im Tour-Taumel und sein persönliches Traum-Szenario vom gelben Trikot!

Am 1. Juli blickt die Welt nach Düsseldorf. Flankiert von frenetisch klickenden Kameras startet dort Tony Martin mit vielen anderen Radprofis in die 104. Auflage der Tour de France und zählt zu den Favoriten für den Auftaktsieg. Von der Messe durch die Innenstadt surrt das Hauptfeld, rauscht vorbei an Fähnchen schwenkenden Fans, stolzen Stadtvätern, an Trauben von Journalisten, Reportern und Kamerateams. Selbst kleine Städte wie Neuss, Mettmann, Mönchengladbach und Aachen macht das sportliche Spektakel mobil, welches mit Martins Einzelzeitfahren über 14 Kilometer beginnt. Für den amtierenden Zeitfahrweltmeister, der diesmal für das Team Kartusha Alpecin fährt, ist das legendäre Rennen eine Zäsur. Weiß er doch, dass die Chance das gelbe Trikot vor deutschem Publikum überzustreifen in dieser Form nicht wiederkommt. Entsprechend akribisch tüftelt sein Team seit Monaten an Material und Ausrüstung für eine gelungene Tour: die einzigen Leistungsverstärker, welche das neue, strenge Radsport-Reglement erlaubt. Nach den Doping-Skandalen der Nuller-Jahre gilt: Startschuss für eine ehrliche, neue Ära – und ein Rennen der Superlative!

Das tadellose Timing des Zeitfahrers Tony Martin

Claudia Roosen: Am Samstag sind alle Augen auf Sie gerichtet, Millionen von Radsport-Fans erwarten eine perfekte Performance: Packt einen da auch als Profi das Lampenfieber oder blenden Sie den ganzen Wirbel um Ihre Person einfach aus?

Tony Martin: Lampenfieber habe ich keins, bin jedoch positiv gestimmt. Mein Fokus liegt natürlich auf den ersten dreizehn Kilometern in Düsseldorf. Es ist mein großes Saisonziel um das Gelbe Trikot zu fahren und es vielleicht vor heimischem Publikum überzustreifen. Ich freue mich sehr über diese Chance.

Ihre Ausdauer ist legendär. Nach dem Überqueren der Startlinie warten 3.516 Kilometer auf Sie, darunter knackige Steigungen. Mit welchem Gefühl geht man in so eine Challenge?

Ich setze mir Zwischenziele und denke die ganze Tour in Etappen. Außerdem bin ich kein Klassement-Fahrer, der vorn mitfährt, sondern bewege mich in der Gruppe. Die Aerodynamik muss man sich ähnlich wie in der Formel 1 vorstellen: Ein großes Fahrerfeld ist da schon etwas anderes als allein gegen den Wind zu fahren wie ein Sprinter. In der ersten Reihe ist man schneller k.o., weil die Windkraft hinzukommt.

Und später, wenn man sich über die Alpen und durch die Pyrenäen quält: Denkt man da an den Zielort und die jubelnden Fans auf der Champs-Élysées oder ganz pragmatisch an das andockende Auto mit den Flaschen und Energieriegeln?

Martin: Man kommuniziert fortwährend mit dem Körper und verfeinert seine Taktik, um innerhalb der Karenzzeit anzukommen. Das bedeutet mal Power bis zum Anschlag, dann wieder eine Stunde am Berg, zuweilen gegen die eigene Resignation anfahrend. Ist man abgeschlagen, kommen einem schon Gedankenspielchen oder man verfällt in eine Art Trance.

Wie züchtet man seinen Körper hoch, um 21 Tage lang dieser Extrembelastung standhalten und sich dann im Gesamt-Klassement möglichst weit vorne zu positionieren?

Ein wichtiger Baustein ist gute Ernährung. Was ich esse, wandelt der Körper später in Leistung um. Isst man zum Beispiel immer nur Bratwurst und Pudding, sagt er irgendwann: „Okay, so kann ich nicht arbeiten!“

Welche Lebensmittel bevorzugen Sie vor dem Rennen?

Martin: Reis ist gut und Eiweiß, ich bin ein Eier-Fan. Ich geißele mich aber auch nicht, wenn ich mal einen Jieper auf sechs Gummibärchen oder eine halbe Tafel Schokolade habe.

Ihre große Stärke ist das Einzelzeitfahren, der Kampf gegen die Uhr. Wie wichtig sind Taktik und Technik und wie begegnen Sie Ihrem größten Widersacher, dem Wind?

Das tadellose Timing des Zeitfahrers Tony Martin

Aerodynamik als Gamechanger: Peloton der Tour de France

Martin: Aerodynamik ist im Radsport das A und O. Um später jede erdenkliche Millisekunde auf der Königsallee einzusparen, muss der Luftwiderstand natürlich reduziert werden. Auf dem Gebiet der Aerodynamik hat speziell auch die Firma Canyon große Fortschritte erzielt und mir ein entsprechend ausgefeiltes Setup für Düsseldorf gebaut. Am Samstag fahre ich das aerodynamischste Rad, auf dem ich je gesessen habe.

Selbst bei optimalem Material: Auf Kopfsteinpflastern zu ackern ist eine Extrembelastung für Finger, Hände und Arme, der Lenker wird zum Presslufthammer. Denn nicht jede Straße ist sauber geteert. Ansporn oder Ärgernis?

Martin: Kantiges, grobes Kopfsteinpflaster im Unterschied zu Flanierpflaster ist eine spannende Aufgabe, aber die Finger werden doch ziemlich gebeutelt. Das gilt weniger für die Tour de France als für ein Rennen wie Paris-Roubaix, welches kilometerlang über Bauernhöfe oder holprige Trecker-Wege führt.

Ihre Generation erobert gerade das Vertrauen der Fans in den Radsport zurück: Wie gläsern oder transparent muss ein Sportler heute sein, um die Doping-Skandale der Nuller-Jahre ins Geschichtsbuch zu verbannen?

Den Tiefpunkt des Radsports sowie den Unmut der Fans habe ich damals noch mitbekommen, weil meine Karriere genau an der Schnittstelle begann. Nun steuern wir jedoch auf einen neuen Höhepunkt zu. Vor allem wir jungen Fahrer haben mit vereinten Kräften daran gearbeitet. Schwarze Schafe gibt´s natürlich in jedem Sport, deshalb geht der Kampf weiter. Die verschärften Kontrollen sehe ich positiv, sie dienen ja auch dem Selbstschutz.

Die Siegerlisten wurden abgeändert und einige große Namen entfernt. Können die einstigen Spitzenzeiten auch ohne Doping erreicht werden oder reißt das Lücken?

Martin: Im legalen Bereich gibt es viele Verbesserungen, speziell auch beim Material. Außerdem weiß man heute mehr über Ernährung und Trainingstechniken. So entstehen auch bei Nicht-Gebrauch leistungsfördernder Hormone neue Bestzeiten.

Der Radsport ist eine schnelllebige Disziplin mit hoher Durchwechsel-Rate: Welches sind die verlässlichen Konstanten in Ihrem Sportler-Leben?

Martin: Das ist natürlich Kader abhängig, aber ich bin jetzt im zehnten Profijahr und habe insgesamt bisher nur dreimal das Team gewechselt sowie immer noch denselben Trainer, Manager und Physiotherapeuten. Da bin ich loyal.

Wir möchten Sie im gelben Trikot sehen und werden Ihnen mit den anderen Fans zujubeln. Wo postieren wir uns am besten, um Ihren Start möglichst hautnah zu erleben?

Martin: Für den Zeitfahrer zählt der Platz in der Strecke, deshalb lässt sich der Ablauf nicht genau vorhersehen. Die Auftaktetappe startet an der Messe, führt dann entlang des Rheinufers über die Königsallee und wieder zurück zum Ausgangsort.

Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg und sagen zum Abschied leise Sssssrrr!

INTERVIEW: DR. C. ROOSEN

Björn Freitag

Interview mit Björn Freitag

Björn Freitag

TV-Tester, Michelin-Magier & Mannschafts-Koch Björn Freitag spricht offen über sein Metier sowie den neuen Aufwärtstrend bei Schalke 04

Er würde niemanden grillen, bleibt stets fair und charmant: sonnig das Gemüt, konstruktiv jede Kritik, liebevoll die Ironie,  seine Autorität niemals autoritär. Und doch spüren seine Sensoren auch den feinsten Makel im Menü auf, jede Millisekunde falschen Timings oder schalen Beigeschmack unter glänzender Verpackung. Denn nicht von ungefähr ist Björn Freitag „Der Vorkoster“. Aber auch Sternenfänger, Vorzeige-Gastronom, Erfolgs-Autor und offizieller Mannschafts-Koch von Schalke 04, was seinem Urteil zusätzlich Gewicht verleiht. Der Kulinarik-Star über Wein, Wild, Warenwissen sowie den richtigen Wumm in der Küche.

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