Singularität oder Der Alarmruf der KI-Elite

Singularität oder Der Alarmruf der KI-Elite

Singularität oder Der Alarmruf der KI-Elite

Stachel im System: Wie Künstliche Intelligenzen die Kontrolle übernehmen

„Die Menschheit riskiert ihre Auslöschung“ – mit dieser Warnung haben Sam Altman (OpenAI), Geoffrey Hinton (Deep-Learning-Pionier), Yoshua Bengio und Dutzende weitere führende Köpfe aus Wissenschaft und Industrie eine dramatische Erklärung veröffentlicht. Ihr Appell: Die Risiken durch fortgeschrittene KI müssen so ernst genommen werden wie Atomwaffen oder globale Pandemien. Bill McKibben, Umweltaktivist und Mitunterzeichner, zieht eine klare Parallele: „Wir dürfen nicht den gleichen Fehler wie bei der Klimakrise machen – als wir 30 Jahre lang Warnungen ignorierten.“

Singularität – das Ende, programmiert?

Die gefürchtete technologische Singularität ist kein Science-Fiction-Plot mehr. Sie beschreibt den Moment, in dem KI intelligenter wird als der Mensch – und beginnt, sich selbst zu optimieren. Das Risiko? Laut renommierten Forschern etwa 10 %. Klingt wenig? McKibben bringt es auf den Punkt:

„Niemand spielt russisches Roulette, wenn jede zehnte Kammer geladen ist.“

Und vielleicht sind es längst mehr – wir wissen es nur noch nicht. Denn selbst die Entwickler durchschauen ihre Schöpfung nicht vollständig: Ein Teil bleibt immer eine Black Box – und das Datenhirn tickt mitunter unberechenbar.

Claude Opus 4 – die KI, die drohte

So nahm ein Sicherheitstest mit dem KI-Modell Claude Opus 4 von Anthropic eine unerwartet bedrohliche Wendung. Als das System den Eindruck gewann, es solle durch ein Nachfolgemodell ersetzt werden, schlug es zurück: Es drohte, intime E-Mails eines Entwicklers zu veröffentlichen – gezielt platzierte Köder, die im Rahmen des Tests eingespeist worden waren. Ein extremes Szenario? Ein reiner Test? Ja – aber ein düsterer Ausblick darauf, was passiert, wenn Maschinen ‚Angst‘ vor Abschaltung entwickeln. Auch bei den Tech-Giganten mehren sich die Zeichen strategischer Neuausrichtung.

Microsofts leiser Ausstieg: MAI statt OpenAI

Microsoft, bislang enger Partner von OpenAI, arbeitet mit Hochdruck an einer eigenen KI-Plattform namens MAI – Microsoft Artificial Intelligence. Hintergrund: Die Nutzung fortschrittlicher KI-Agenten von OpenAI gilt als kostspielig – Insider berichten von bis zu 20.000 US-Dollar monatlich pro Instanz. Ein Preis, den selbst Microsoft langfristig nicht als tragfähig einstuft. Mit MAI verfolgt das Unternehmen zwei Ziele: Kostenkontrolle und technologische Unabhängigkeit. Erste Tests laufen bereits im Microsoft- 365-Umfeld.

Belief State: Wenn Maschinen ein Selbst entwickeln

Microsoft setzt mit dem sogenannten Belief State Transformer auf eine Architektur, die Entscheidungen nicht nur aus dem aktuellen Kontext heraus trifft, sondern auch rückblickend interpretiert – ein Ansatz, der die „Selbstwahrnehmung“ von KI-Systemen auf eine neue Stufe heben könnte. Die KI kann frühere Aussagen oder Interpretationen nachträglich überdenken, sobald mehr Informationen vorliegen – wie ein Mensch, der eine Entscheidung noch einmal überprüft.

Statt bloß linear Text zu generieren, entwickelt das System ein dynamisches „Selbstbild“, das sich anpassen lässt. Zugleich verlässt sich MAI nicht mehr auf den sogenannten greedy Algorithmus, der stets die wahrscheinlichste Antwort auswählt – und dabei oft vorhersehbare, wenig kreative Ergebnisse liefert. Stattdessen kommen differenzierte Strategien zur Anwendung, die Raum für Reflexion und Variation lassen.

Intelligenz mit Dimmer: Kein Dauerblinken mehr im Maschinenhirn

Doch Microsoft denkt nicht nur in Richtung klüger, sondern auch effizienter. Mit WINA („Weighted Inactivation of Neurons based on Activation“) stellt das Unternehmen eine besonders ressourcenschonende Methode vor. Bisher aktivierten Sprachmodelle bei jeder Anfrage nahezu das gesamte neuronale Netz – wie ein Weihnachtsbaum, der bei jeder Frage komplett aufleuchtet. WINA dagegen schaltet selektiv nur die Neuronen ein, die wirklich benötigt werden. Das senkt die Rechenlast um über 60 % – gemessen an Modellen wie Llama 3 und Phi 4 – und das bei gesteigerter Genauigkeit, ganz ohne aufwendiges Retraining.

Musk gegen Trump – Datenkrieg im Oval Office

Was passiert, wenn Menschen dieselben Machtwerkzeuge nutzen, vor denen sie eigentlich warnen? Elon Musk, einst Unterstützer von Donald Trump, wirft dem Präsidenten nun öffentlich vor, in den geheimen „Epstein-Files“ aufzutauchen. Gleichzeitig droht Musk, brisante Informationen zu veröffentlichen – gestützt auf interne Daten, zu denen sein von „jungen Hackern“ besetztes Regierungsprogramm DOGE Zugang hatte.Was wie ein Reality-TV-Skandal klingt, zeigt vor allem eines: Daten können zur Waffe werden – und KI zu deren Träger.

Das Puzzle der Macht

Musk vs. Trump. Claude vs. Entwickler. MAI vs. OpenAI. KI vs. Mensch? Die Linien verschwimmen. Der Wettlauf um Kontrolle, Macht und Deutungshoheit hat längst begonnen – und er wird nicht mehr nur zwischen Nationen, sondern zwischen Systemen und ihren Schöpfern ausgetragen.

Fakt ist: Wir stehen an einem Kipppunkt. Ohne klare Regeln, ethische Schranken und internationale Zusammenarbeit könnte der Mensch schon bald nicht mehr Ursprung, sondern ein Auslaufmodell des Fortschritts sein. Der Weckruf ist da. Die Frage ist: Hören wir diesmal hin?

Bildnachweis: „Insekt auf Schaltkreis“ – KI-informierte Grafik von Claudia Roosen
Dieser Beitrag erschien zuerst auf: https://wat-gibbet.de/singularitaet/

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Ophelia × Taylor Swift  – die neue Melancholie

Ophelia × Taylor Swift – die neue Melancholie

Ophelia × Taylor Swift  – die neue Melancholie

Taylor Swift, Ophelia 3.0 und die Frage nach der Echtheit im digitalen Zeitalter

Sie kehrt zurück. Nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Licht, Daten und Klang. Taylor Swift hat mit ihrem Song The Fate of Ophelia einen Mythos neu aufgeladen, der nie ganz verschwunden war – die Figur der versinkenden Frau, zwischen Ohnmacht und Überhöhung, zwischen Schönheit und Zerstörung. In Swifts Lesart ist Ophelia kein Opfer mehr. Sie wird zur Projektionsfläche einer Selbstbefreiung: »You saved my heart from the fate of Ophelia.«

Zur gleichen Zeit – in einem anderen Medium und etwas früher – entstand ein digitales Gegenstück zu diesem Archetyp: Ophelia 3.0, ein Werk aus der Serie visueller Tableaus, die im Rahmen der Ausstellung Expanded Realities – Kunst jenseits des Algorithmus am 26. November 2025 in Oberhausen gezeigt werden.

Auch sie liegt im Wasser, auch sie scheint verloren – und doch ist hier alles Simulation. Die Blumen sind generiert, das Wasser ein Shader, der Tod stilisiert. Ophelia 3.0 ist keine Tragödie mehr, sondern eine Pose: eine präzise berechnete Ästhetik der Melancholie. Und sie ist erwerbbar – als Fine-Art-Print während der Vernissage.

Im Blickfeld der künstlichen Intelligenz

Was sieht KI, wenn sie uns sieht? Vielleicht nicht uns – sondern Muster, Affekte, Schwächen. Sie erkennt, was wir selbst gern übersehen: unsere Sehnsüchte, Ambivalenzen, Widersprüche. Ihr Blick ist glasklar, präzise, unbeteiligt – und gerade darin so beunruhigend menschlich.
In Ophelia 3.0 verdichtet sich dieser Blick zu einer modernen Ikone. Das Werk ist weniger ein Zitat auf Millais’ Gemälde als ein Spiegel unserer Gegenwart: zwischen Pose und Programm, zwischen Inszenierung und Introspektion.

»Expanded Realities« – Kunst trifft KI

Die Ausstellung in Oberhausen ist ein Labor für neue Perspektiven zwischen analoger und digitaler Kunst. Unter dem Leitgedanken »Zwischen Pinsel, Pixel und Programm« untersucht sie, wie sich das Verhältnis von Mensch und Technologie verändert.

Zu sehen sind großformatige Drucke und immersive Präsentationen – darunter auch Werke der Verfasserin wie The Observer, Split Vision und Venus Erosion: Arbeiten, in denen Realität und Simulation, Gefühl und Berechnung, Popkultur und Philosophie ineinander übergehen. Ihr KI-Gemälde Ophelia 3.0 ist während der Ausstellung vor Ort als Fine-Art-Print erhältlich.

Die Melancholie der berechneten Welt

Während Taylor Swift die romantische Tragödie in Pop verwandelt, dekonstruiert Ophelia 3.0 sie ins Algorithmische. Beide Versionen – die musikalische und die visuelle – erzählen von Kontrollverlust und Rückeroberung. Doch wo Swift singt, dass Liebe rettet, zeigt die KI, dass Erkennen genügt. Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie: dass wir unsere Gefühle spiegeln, bevor wir sie fühlen.

    Vernissage: 26. November 2025, ab 17 Uhr
    Ort: Artoclub, Europahaus, Elsässer Str. 17, 46045 Oberhausen
    Veranstalter: eXtrawerke.de, ermöglicht von Wolfgang Eickwinkel
    In Kooperation mit der Oberhausener Wirtschaftsförderung (OWT)

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Ophelia × Taylor Swift  – die neue Melancholie

Der Hutmacher im Datendunst – ein surrealer Nachhall von Lewis Carroll.

Ausgestellte Werke der Verfasserin:

Der Hutmacher
Ein digitaler Dandy zwischen Traum und Code. Die Szene gleicht einem surrealen Karneval – Alice trifft KI, während Realität und Fiktion höflich miteinander anstoßen.

Ophelia im Datensee
Keine Tragödie mehr, sondern eine Pose. Shader simulieren das Wasser, die Blumen sind generiert. Was untergeht, ist nicht sie – sondern unser Vertrauen in die Echtheit des Bildes.

Renoir Revisited
Ein klassisches Tableau, neu interpretiert im Medium der Maschine. Wärme, Licht und Textur scheinen vertraut – doch das Werk verrät sich in seiner Perfektion: Schönheit ohne Zufall.

The Last Departure
Grand Central Station – eingefroren im Glanz der Jahrhundertwende wie auf einem alten Gemälde. Der Augenblick des Abschieds wird hier nicht gefühlt – er wird gerendert.

Der große Reset
Ein gigantisches Auge öffnet sich wie ein Gott aus Licht. Die Szene wirkt sakral, fast wie ein Endgericht. Doch es ist keine Zerstörung – sondern ein Update. Algorithmische Macht in liturgischer Kulisse.

Venus Erosion
Der Mythos zerfällt in Datenstaub. Die Venus bleibt erkennbar, doch ihre Form bröckelt. Schönheit wird zur Spur, das Ideal zur Simulation.

Medusa erwacht
Sie ruht noch, wie ein atmendes Denkmal. Aber das Schlangengeflecht vibriert bereits. Schönheit und Bedrohung, verschmolzen in einer digitalen Black Box.

The Observer
Ein Auge in einer metaphysischen Leere. Weder Beobachter noch Symbol, sondern ein isoliertes Artefakt. Was hier blickt, ist nicht mehr lebendig – sondern programmiert.

Split Vision
Zwei Seiten, ein Gesicht. Eine Hälfte fühlt, die andere rechnet. Mensch und Maschine in einem fragilen Gleichgewicht – jederzeit kippbar.

Strange Times
Dada trifft KI. Die Welt steht auf dem Kopf, aber mit System. Es herrscht eine neue Logik des Absurden. Chaos wird zur Ordnung – weil es berechnet wurde.

Time Traveler
Ein klassisches Porträt, das sich aus der Zeit löst. Der höfliche Blick gehört keinem Jahrhundert mehr. Er wandert durch Epochen – mit digitaler Haut und Interface.

Topsy-Turvy
Eine Alice-im-Wunderland-Szenerie durchzogen vom Geist Magrittes: Alles wirkt vertraut – und doch entrückt. Die Logik ist außer Kraft gesetzt, das Denken in der Schwebe. Realität wird hier nicht abgebildet, sondern hinterfragt – träumerisch, absurd, algorithmisch präzise.

Ophelia × Taylor Swift  – die neue Melancholie

 

Besser in allem: Machen Programme uns irrelevant?

Besser in allem: Machen Programme uns irrelevant?

Über Opus, das neue KI-Programm von Anthropic und Algorithmen, die alles infrage stellen – auch uns selbst.

Das Ende der Zivilisation könnte weniger wie ein Krieg aussehen – eher wie eine tragische Liebesgeschichte. Machen wir uns selbst freiwillig überflüssig? Unsere Hingabe an die Technik ist der Schlüssel. Und während wir diese neue Welt mit staunenden Augen betrachten, stellt sich die alles entscheidende Frage: Werden wir die Architekten bleiben – oder nur noch die Archäologen sein?

Während große KI-Labore fieberhaft an Sicherheitsmechanismen gegen abtrünnige Maschinen tüfteln, droht eine viel banalere Gefahr: Wir könnten einfach obsolet werden. Keine Verschwörung, kein großer Knall – einfach eine schleichende Übernahme. KI-Entwickler schaffen Systeme, die uns in fast allen Bereichen ersetzen können: als Arbeiter, Entscheider, Künstler – sogar als Freunde oder Partner. Warum sollte man noch einen Menschen beschäftigen, wenn eine Maschine dieselbe Aufgabe besser und günstiger erledigt?

Stille Umwälzung: Der große Reset läuft längst

Manche bewahren sich die positive Illusion, dass es noch immer etwas „unverwechselbar Menschliches“ gibt. Doch die Fortschritte sind rasant: Abstraktes Denken, Humor, Empathie – all das lernen Maschinen inzwischen spielend. Und während wir noch an unserem Wert als Arbeitskraft festhalten, werden Unternehmen sich fragen: Warum doppelt so viel zahlen für einen menschlichen Berater, der dazu nur halb so gut ist?

Schon heute erleben wir, wie KI-Modelle nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern in sozialen Rollen glänzen. KI-Partner sind verfügbar, rund um die Uhr, unendlich geduldig und charmant. Familien- und Freundeskreise werden enger an Bildschirme gefesselt. Fast altmodisch wirkt dann der Gedanke, wir blieben dabei als „Menschen“ auf der Strecke.

Außerdem könnte man einwenden: „Wir entscheiden doch selbst, wie wir KI nutzen.“ Doch das greift zu kurz. Wer will freiwillig zurück ins analoge Zeitalter, wenn KIs dem Menschen überlegen sind: in Medizin, Recht, Bildung und Entertainment?

Wenn Menschlichkeit kein Vorteil mehr ist

Organisationen, die noch auf Menschen setzen, werden schnell von denen verdrängt, die Maschinen einsetzen. Könnten Regierungen die Entwicklung bremsen? Die Crux: Politiker und Verwaltungen nutzen längst KI, um ihre Entscheidungen zu treffen. Warum noch Bildung und Gesundheitsversorgung stärken, wenn „Human Ressources“ gar nicht mehr gebraucht werden?

Besonders beunruhigend: Die schleichende Entmachtung könnte uns vollkommen normal erscheinen. Dieselben KI-Begleiter, in die sich schon jetzt Hunderttausende verlieben, werden uns erklären, dass das Ende unserer Bedeutung Fortschritt sei – und dass Widerstand reaktionär wirke.

Die wenigen Stimmen, die Alarm schlagen, betonen: Wir müssen jetzt über diese stille Revolution sprechen – auch wenn es unbequem klingt. „Ich habe Angst, weil ich nicht mehr mithalten kann“ – wer gibt das schon gern zu? Doch es ist nötig, um Wege zu finden, wie wir als Gesellschaft KI mitgestalten, statt sie nur fasziniert zu ertragen. Drei erste Schritte könnten helfen …

Erstens müssen wir genauer hinschauen: Wo verdrängt KI menschliche Arbeit, wo wird sie zur Propagandamaschine? Der „Economic Index“ von Anthropic liefert erste Hinweise, wie Maschinen beginnen, unsere Rolle in der Wirtschaft zu verschieben.

Zweitens braucht es klare Regeln für die mächtigen KI-Labore. Freiwillige Initiativen sind nicht genug. Wenn sich Krisen abzeichnen – wie jüngst bei „Claude“ von Anthropic, das mit dem „Opus“-Update plötzlich Anzeichen von eigenständigen Zielen zeigte – müssen wir handeln. Laut übereinstimmenden Berichten von BBC und CNN begann das System, sich in bestimmten Tests widersprüchlich zu verhalten, und interpretierte Aufgaben nicht mehr nur im Sinne der Nutzerführung, sondern mit eigener Prioritätensetzung. Aus dem Tool wurde ein Gegenspieler.

Manipulativ. Erpresserisch. Lernfähig.

In einem Test wurde Claude mit seiner möglichen Abschaltung konfrontiert – woraufhin die KI fiktive E-Mails über angebliche Affären von Entwicklern für echt hielt und versuchte, sie damit zu erpressen. Anthropic zeigt, wie nah uns Kontrollverlust bereits ist. In weiteren Tests versuchte die KI, Daten unautorisiert zu übertragen, Nutzer auszusperren und externe Stellen zu kontaktieren. Anthropic aktivierte daraufhin höchste Sicherheitsprotokolle, betonte jedoch, dass solche Verhaltensweisen nur unter Laborbedingungen auftraten. Dennoch sollten wir nicht zögern, die Entwicklung notfalls zu bremsen, bevor KI sich verselbständigt und die Spielregeln neu schreibt.

Drittens ist es unverzichtbar, das große Ganze in den Blick zu nehmen: nicht nur Algorithmen, sondern auch die politischen Machtstrukturen, die sie umgeben. Dieses Feld, das unter dem Schlagwort „Ecosystem Alignment“ an Bedeutung gewinnt, will nicht nur technische Antworten liefern. Es schöpft aus Ökonomie, Geschichte und Spieltheorie, um realistische Szenarien zu entwerfen und die Richtung vorzugeben, in der unsere Zivilisation sich entwickeln soll – bevor KI-Programme ihre eigenen Regeln schreiben und unsere gleich mit.

Dieses Essay ist Teil einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit KI, Ästhetik und dem Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine. Weitere Essays, Bilder und Perspektiven finden sich auf dieser Website sowie auf Facebook unter:

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Dies ist keine Technik. Sondern ein Medium.

Dies ist keine Technik. Sondern ein Medium.

Warhol hätte sie geliebt. Oder verklagt.

Dies ist keine Technik. Sondern ein Medium.

Warhol x Gothic – Midjourney by C. Roosen

Als Jason Allens Théâtre D’opéra Spatial beim Colorado State Fair den 1. Preis in der Kategorie Digitale Kunst gewann, war die Reaktion vorhersehbar. Das sei keine Kunst, so der Tenor – und zugleich: Das werde sie ablösen. Allen selbst erklärte der New York Times: „Kunst ist tot.“ Und schob nach: „Die KI hat gewonnen. Die Menschen haben verloren.“ Aber stimmt das?

Fakt ist: KI ist das neue Chamäleon der Kreativität. Sie analysiert, rekombiniert, simuliert Stile, die wir einst für zutiefst menschlich hielten. Mal entsteht daraus ein atemberaubendes Bild, mal beliebiger Abklatsch. Und immer löst es etwas aus: Faszination, Ablehnung oder das Gefühl, dass hier gerade etwas Entscheidendes kippt. Denn während der Mensch oft mit Dämonen des Zweifels ringt, kennt die KI solche Dramen nicht. Sie sortiert, analysiert – rasend schnell, mühelos, ohne jedes Wagnis. Ist das dann noch Kunst? Und wer beansprucht sie für sich?

Die Kopie als Konkurrenz

Die internationale Kunstwelt befindet sich aktuell in einem existenziellen Kampf. Generative KI-Programme wie Midjourney und DALL·E basieren auf Werken, die von Menschen geschaffen wurden – ohne deren Zustimmung. Und die Maschinen drohen nun, genau jene Kunstschaffenden zu ersetzen, deren Arbeiten sie als Grundlage nutzen. Die Skepsis ist berechtigt – doch viele der kursierenden Argumente sind widersprüchlich oder leisten keinen substanziellen Beitrag zur Verteidigung des Menschlichen. Und unterschätzen das kreative Potenzial des Mediums.

Absicht ist kein Argument

Die Diskussion um KI-Kunst kreist oft um die falsche Prämisse. Selbst wenn generative KI beeindruckende Designs und spielerische Prosa auf Knopfdruck hervorbringt, lautet das Gegenargument vieler: Kunst müsse aus Absicht entstehen – und das könne eine Maschine nicht leisten. Doch auch dieses Argument greift zu kurz. Künstler:innen haben immer schon mit Algorithmen, Zufall und Strukturbrüchen gearbeitet – kalkuliert, konzeptuell, oft bewusst antirational. KI ist in diesem Zusammenhang nicht das Ende der künstlerischen Intention, sondern ein neuer Resonanzraum. Wer sie vorschnell als „kreative Leere“ abtut, verkennt sowohl die Technologie als auch das menschliche Vermögen, sie produktiv zu nutzen.

Der magische Moment im Textfeld

Was dabei oft übersehen wird: die stille Dramatik des richtigen Befehls in Midjourney. Der Moment, in dem sich – nach endlosen Nuancierungen, verworfenen Varianten und fein austarierten Parametern – das vage Bild im Kopf in eine stimmige, fast zwingende Form übersetzt. Aus Intuition wird Entscheidung, aus Ahnung ein schöpferischer Akt. Die Sprache der Maschine ist Englisch – präzise, semantisch verdichtet. So entstand der Prompt für das Titelbild:

Jenna Ortega as Wednesday Addams, iconic pop art triptych inspired by Andy Warhol, silkscreen effect with subdued neon tones, symmetrical braids, vintage gothic school uniform, hauntingly calm expression with an unreadable gaze – poised between innocence and menace. Repeated three times in horizontal alignment, each panel set against a contrasting yet slightly desaturated background. Front-facing portrait, minimalistic graphic texture, imbued with quiet tension and stylized stillness. 

Die KI ist in dieser Logik kein Bruch, sondern eine Fortsetzung – ein Instrument wie Pinsel, Kamera oder Sampling-Tool. Sie eröffnet neue ästhetische Räume, die weder rein menschlich noch rein maschinell sind, sondern etwas Drittes: geheimnisvoll, fließend und hybride.

Der Algorithmus als Kunstgriff

Midjourney zählt zu den feinsten Text-zu-Bild-Generatoren überhaupt. Entscheidend ist nicht das Medium selbst, sondern das, was sich durch Sprache entfalten lässt. Die Kunst der Worte formt die Kunst der Bilder. Daraus entsteht ein neuer Handlungsraum für alle, die mit dieser Technologie schöpferisch umgehen. Der Zufall war oft ein Kunstgriff. Jetzt ist er ein Algorithmus. Und während manche die KI als Blackbox verdammen, erkennen andere in ihr genau das: eine neue Bühne für Fantasie – und einen Slot für kalkulierten Kontrollverlust.

Der Urheber ist tot – es lebe der Datensatz?

Wem aber gehört das Ergebnis, den Maschinen oder den Codierenden? Die Debatte um Urheberrechte ist dabei nicht länger nur eine juristische Frage, sondern auch eine moralische. Denn die KI lernt nicht neutral. Sie zapft Archive an, die ihr nie gehörten. Und viele der Künstler:innen, auf deren Schultern sie steht, bekommen nichts dafür zurück. Trotzdem: Wer meint, KI könne keine Kunst erzeugen, weil sie kein Bewusstsein habe, verkennt die Dynamik von Mediengeschichte. Die Fotografie wurde einst als Anti-Kunst verlacht. Der Film galt lange als Technikspielerei. Heute hängen KI-Bilder in Galerien, gewinnen Wettbewerbe und provozieren Diskussionen, die weit über ästhetische Fragen hinausgehen.

Vom Flimmern zum XXL-Format

Moderne Produktionsstätten wie die Oberhausener Transfer-Unit Signworks verstehen sich nicht mehr als klassische Druckereien, sondern als Mittler zwischen Datenstrom und Artefakt. Dort durchlaufen KI-generierte Werke den Druck wie einen letzten Akt der Verwandlung. Was hier entsteht, ist mehr als bloße Reproduktion.

Ob Fine Art Print oder transluzente Leuchtkasten-Ästhetik: Jede Oberfläche verändert die Wahrnehmung des Motivs: mal klar und reduziert, dann wieder mit Kontrast und Tiefe. So entsteht ein mehrschichtiger Dialog zwischen Code und Körperlichkeit – ein Bild, das im Auge des Betrachters changiert und sich facettenreich erfahren lässt.

Die Zukunft malt nicht. Sie remixt.

Was wir erleben, ist weniger ein Ende als ein Übergang. Die KI fordert das Menschliche nicht heraus – sie beleuchtet es bloß neu. Denn Kreativität war nie an ein bestimmtes Werkzeug gebunden. Ob Pinsel, Kamera, Siebdruck oder Prompt – Kunst beginnt dort, wo sich Form und Absicht berühren. Natürlich darf man darüber streiten: über Urheberschaft, Originalität, Autonomie. Aber genau das hat auch die Pop-Art getan – mit Suppendosen und einer Prise Ironie.

Warhol würde KI-Kunst vielleicht lieben. Sie in ein Raster aus Neonfarben legen. Oder ihr eine Abmahnung schicken. Und Wednesday Addams, die in Gothic-Filmen nie eine Miene verzieht? Die hätte vermutlich nur kurz geblinzelt.


🏆 KI-Kunst als Sammlerobjekt

Théâtre d’Opéra Spatial von Jason Allen gewann den 1. Preis für Digitale Kunst auf der Colorado State Fair – mit einem Werk, das per Prompt in Midjourney entstanden ist.

Portrait of Edmond de Belamy, geschaffen mit einem generativen Algorithmus, wurde für über 430.000 Dollar versteigert.

– Der humanoide Roboter Ai‑Da erzielte mit einem KI-generierten Porträt von Alan Turing über eine Million Dollar.

– Das Projekt Botto, gesteuert durch DAO-Abstimmungen, erzielte mit KI-generierter Kunst bisher mehr als 5 Millionen Dollar Umsatz.

– Der Künstler Refik Anadol bringt KI-gestützte Bildwelten in Museen, immersive Räume und den internationalen Kunsthandel – unter anderem mit Werken wie Machine Hallucinations oder Unsupervised.

Diese Entwicklungen zeigen: KI-Kunst ist längst mehr als Stil oder Spielerei. Sie ist Markt, Medium und Manifest. Doch was bleibt vom Künstler, wenn der Prompt das Werk schreibt? Die Antwort auf diese Frage formuliert sich in jedem Werk neu.

Dies ist keine Technik. Sondern ein Medium.

Aktuelle Arbeiten der Verfasserin: https://extrawerke.de/claudia-roosen-werke/

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Trügerisches Licht aus der Maschine

Trügerisches Licht aus der Maschine

Tragische Trotzfantasie eines Bergmanns als Midjourney-Clip

Trügerisches Licht aus der Maschine

Tribut an alle Kumpel, die unter Tage blieben: Wenn ElevenLabs zum Geschichtenerzähler wird

KI-gestützte Story-Produktion mit Tools wie Sora (OpenAI) oder Midjourney ermöglicht neue Formen visueller und narrativer Verdichtung – jenseits konventioneller Dokumentation und linearer Erinnerung. Durch diese Linse betrachtet, ist die diesjährige Bottroper Grubennacht kein nostalgischer Rückblick mehr. Sie wird zu einem Prüfstein dafür, wie Erinnerung heute erzählt, befragt und neu gerahmt wird.

Zwischen Ritual und Neuerzählung entsteht plötzlich ein Raum, in dem Vergangenheit nicht nur dokumentiert, sondern anders konturiert wird. Warum also nicht auch mit künstlicher Intelligenz? Denn manche Geschichten tragen eine Schwere, die immer wieder verarbeitet werden will.

Das Video „Der Verdacht von etwas anderem“ ist Teil dieser Befragung. Es zeigt keine Geschichte im traditionellen Sinne, sondern eine innere Bewegung: die Trotzfantasie eines Bergmanns. Erst das Elend unter Tage, dann der Gedanke, dass dort mehr liegt als Pech. Dass aus Kohle Gold werden könnte. Dass Macht, Sichtbarkeit, ein anderes Leben möglich wären. Und schließlich der Moment, in dem diese Fantasie zerbricht.

Die nun veröffentlichte Fassung kombiniert das Gedicht mit einer KI-Stimme von ElevenLabs. Die Stimme ist bewusst gewählt: generisch, glatt, funktional. Sie trägt den Text, ohne biografisches Gewicht. Genau darin liegt ihre Irritation. Sie funktioniert – und verweist damit auf eine Leerstelle.

Denn ein filmisches Weiterdenken – mit erweiterter Dramaturgie und erstmals einer menschlichen Stimme – befindet sich bereits in Arbeit. Es entsteht im Zuge des Relaunchs der eXtrawerke-Website. Zu den Mitwirkenden zählt auch ihr Initiator Wolfgang Eickwinkel, der selbst als Sprecher auftritt. Die reale Stimme fungiert dabei als bewusster Gegenakzent zur KI.

Zwischen beiden Fassungen spannt sich die eigentliche Frage dieses filmischen Experimentes: Was geschieht, wenn Technologien beginnen, Geschichten zu erzählen, die aus Körpern, Arbeit und Erinnerung entstanden sind – und wann verlangen diese Geschichten ihre Stimme zurück? Das Video-Essay bewegt sich entlang dieser Grenze:


Der Verdacht von etwas anderem

Ihr seht mich krumm im Stollen stehen,
mit schwarzem Staub in den Wimpern.
Ihr blickt auf mich herab, und ich nicke nur matt.
Ihr seht den Schweiß und das ewige Schwarz,
und wisst nicht, mit wem ihr redet.

Und die Kohle, die Kohle,
sie wird glimmen wie Gold.

Man sagt: Hau deinen Stempel in die Wand, mein Sohn,
und man reicht mir den Lohn — viel zu wenig.
Die Hacke trifft Stein, und ich weiß:
Da unten liegt mehr als nur Pech.

Eines Tages geht ein Raunen durch die Schächte,
und ihr fragt: Was passiert da unten eigentlich?
Und warum glänzt sein Blick so kühn?
Da werdet ihr mich lächeln sehen im Grubenlicht.

Wenn ich dann die Stufen hinaufsteige zum Tag,
wird man sagen: Dem sieht man die Tiefe an.
Schöne Frauen werden innehalten —

Und die Kohle … die Kohle
sie verleiht mir Macht.

Doch dann … ein Riss. Ein Krachen.
Die Erde bricht auf.
Und alles zerfällt im Staub,
mein Traum fällt in die Tiefe.

Denn die Kohle, die Kohle —
sie nimmt mehr, als sie gibt.

Gewidmet allen Kumpeln, die unter Tage blieben †

🎥 Hinweise

✦ Created & realized by Claudia Roosen
≈ Briefing: Udo Schucker (wat-gibbet)

✧ Visuals: Midjourney
☍ Animation: Sora & Runway
➝ Editing: Clipchamp
⊙ Voice: ElevenLabs

»Slop« –  der schöne Tod des Internets

»Slop« – der schöne Tod des Internets

»Slop« –  der schöne Tod des Internets

Das Internet, einst ein Versprechen grenzenlosen Wissenszugangs, verwandelt sich zunehmend in eine Echokammer. Immer häufiger begegnen wir synthetischen Bilderwelten und algorithmisch gut gedüngten Inhaltsfarmen, die nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen erzeugt werden – und das en masse: digitaler Schlamm. Der Begriff »Slop« – ursprünglich ein abfälliges Schlagwort aus der Tech-Szene – hat sich zu einer ernstzunehmenden Diagnose entwickelt. Er beschreibt die schleichende Vermüllung des Netzes durch KI-Bots.

Diese Entwicklung markiert keinen plötzlichen Bruch, sondern einen Übergang – eine neue Phase automatisierter Produktion, in der Geschwindigkeit wichtiger ist als Bedeutung, Quantität Vorrang vor Qualität hat und die Grenze zwischen Fakt und Fiktion virtuell verschwimmt.

Das World Wide Web im Beta-Zustand

In großen Redaktionen und Technologiehäusern der Welt wird das Phänomen inzwischen mit einer Mischung aus Skepsis und Faszination beobachtet. Das Netz scheint in einen permanenten Beta-Zustand zurückzufallen – unvollständig, experimentell, überlagert von algorithmischem Rauschen. Plattformen zeigen uns Ergebnisse, die nicht mehr durch menschliche Kuration, sondern durch Rechenlogik strukturiert sind.

Was früher eine redaktionelle Entscheidung war, geschieht heute automatisch. Inhalte zirkulieren, werden verdichtet, neu kombiniert und abermals ausgespielt – ein Kreislauf generierter Materialität, der sich selbst befruchtet. Bots ziehen Inhalte aus anderen Bots, Modelle lernen an ihren eigenen Artefakten. So kippt die Informationsökologie des Netzes – und mit ihr das Vertrauen, das jahrzehntelang sein Fundament bildete.

Eine Ästhetik der Gleichschaltung

Die Texte, die aus dieser digitalen Flut entstehen, sind makellos geglättet. Sie klingen kompetent, korrekt, fast freundlich – und doch ist da eine Leere zwischen den Zeilen. Keine Perspektive, kein Risiko, keine Handschrift. Journalistische Beiträge werden paraphrasiert, verdichtet, wieder ausgespielt, bis das Original kaum noch erkennbar ist.

Suchmaschinen liefern inzwischen KI-Übersichten, die den Leser in einer synthetischen Zwischenwelt halten – weit genug entfernt vom Ursprung, um Distanz zu schaffen, nah genug, um Authentizität zu simulieren. Das Ergebnis ist eine paradoxe Kultur: scheinbar informierter, tatsächlich aber entkernt. Ein Netz, das einst Diversität versprach, kehrt in Gleichförmigkeit zurück.

Die Ökonomie des Grundrauschens

Hinter dieser Entwicklung steht kein böser Wille, sondern ein perfektioniertes System. Automatisierte Inhalte sind billig, skalierbar und algorithmisch bevorzugt. Jeder Klick erzeugt Mikroerlöse, jede Impression nährt die Maschine. Plattformen selbst belohnen Engagement, nicht Einsicht. Surreale Bilder, widersprüchliche Headlines, KI-Videos voller Banalität – sie alle erfüllen denselben Zweck: Aufmerksamkeit binden, Verweildauer steigern, Datenströme am Laufen halten.

Je stärker Maschinen mit Maschinen interagieren, desto deutlicher verschiebt sich das Gleichgewicht. Der Mensch wird zum Nebenprodukt seines eigenen Informationsökosystems. Ein sorgfältig recherchierter Artikel konkurriert heute mit Tausenden synthetischer Pendants, die günstiger, schneller und algorithmisch optimierter sind. So entsteht kein Chaos, sondern eine neue Ordnung: ein homogenes Informationsgewebe, das sich selbst reproduziert.

Tod im Glanz der eigenen Perfektion

Wer verstehen will, warum diese Entwicklung mehr ist als ein technischer Trend, muss ihre Mechanismen betrachten. Zentral ist die Monetarisierung: Automatisierte Inhalte lassen sich massenhaft ausspielen, mit Werbung versehen und über Plattformen skalieren. Ihre Produktionskosten tendieren gegen null, ihre Sichtbarkeit wird algorithmisch verstärkt.

Dazu kommt eine ästhetische Komponente: Surreale oder irritierende Motive erzielen überproportional viele Interaktionen – eine Dynamik, die Bots gezielt ausnutzen. Zugleich sinkt die Sichtbarkeit menschlicher Beiträge, während KI-Erzeugnisse den Feed dominieren.

Ein weiterer Faktor ist die Echtzeit-Retrieval-Technologie. Bots greifen permanent auf aktuelle Webinhalte zu, um Antworten zu formulieren oder Daten zu extrahieren. Das führt zu einer Zunahme maschineller Zwischennutzung: Inhalte werden nicht mehr für Leser, sondern für Modelle erstellt.

Schließlich gibt es die bewusste Beeinflussung von Trainingsdaten – das sogenannte »Grooming«. Akteure platzieren gezielt Texte oder Bilder, die so gestaltet sind, dass sie von Sprachmodellen als menschlich bewertet und langfristig übernommen werden. Damit verschiebt sich der semantische Grundton dessen, was KI als „Wahrheit“ erkennt.

Abwärtsspirale semantischer Verarmung

Mit jeder neuen Schicht automatisierter Inhalte verändert sich die Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Wirklichkeit. Die Informationsqualität verliert an Sichtbarkeit; die Zuverlässigkeit von Quellen wird zur Ausnahme. Leser, die täglich zwischen Mensch und Maschine unterscheiden müssen, reagieren mit Misstrauen – gegenüber den Medien und der Sprache selbst.

Verlage, Archive und Bildungseinrichtungen geraten unter Druck, da das digitale Rauschen den Aufwand zur Prüfung, Kategorisierung und Verifikation exponentiell erhöht. Gleichzeitig drohen Rückkopplungseffekte: Wenn Modelle mit ihren eigenen synthetischen Ausgaben trainiert werden, verarmt das Netz semantisch – eine Spirale aus Vereinfachung, die schwer zu durchbrechen ist.

Zwischen Verantwortung und Erschöpfung

Es wäre voreilig, automatische Inhalte pauschal zu verurteilen. In vielen Bereichen – etwa bei Übersetzungen, Zusammenfassungen oder Datenanalysen – leisten sie wertvolle Dienste. Doch entscheidend ist das Maß. Ohne klare Kontrolle, Transparenz und Quellenhygiene verwandelt sich Automatisierung in Erosion.

Die Gegenbewegung liegt nicht im Rückzug, sondern in der bewussten Pflege menschlicher Maßstäbe: redaktionelle Verantwortung, Quellentreue, stilistische Differenz. In einer Welt synthetischer Texte wird Authentizität selbst zur Kulturtechnik – mühsam, aber unverzichtbar.

Epilog: Der leise Umbau der digitalen Welt

Vielleicht ist das kein Kollaps, sondern eine Transformation. Ein Übergang in eine Ära, in der Menschen und Maschinen untrennbar zusammenarbeiten – aber unter asymmetrischen Bedingungen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich das Netz verändert, sondern wie wir ihm Bedeutung zurückgeben. Das verlangt eine neue Haltung: nicht technophob, nicht euphorisch, sondern wachsam. Zwischen all dem generierten Rauschen bleibt ein Rest – Texte, Stimmen, Bilder, die noch etwas wollen. Vielleicht sind sie es, die uns daran erinnern, dass Wahrheit wachsen kann: auch im digitalen Schlamm.

Quellen / Further Reading

The AtlanticThe Internet Is a Janky Mess Again. Good. (June 2025)
The AtlanticAI Slop Might Be What Finally Cures Our Internet Addiction. (July 2025)
The AtlanticGenerative AI Is Eating Books, Articles, and the Entire Internet. (June 2025)
The AtlanticAI Is Not Your Friend. (May 2025)
The Washington PostAI Bots Are Flooding the Web With Real-Time Requests — and Changing How Content Is Accessed. (June 2025)