Frontalkurs in den USA: Newsom »trollt« Trump

Frontalkurs in den USA: Newsom »trollt« Trump

Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom steckt mitten in einem Sturm, der selbst für die chaotischen Verhältnisse der amerikanischen Politik außergewöhnlich ist: ICE-Razzien auf Parkplätzen von Baumärkten, Proteste von Boyle Heights bis Downtown, Bundesbeamte in den Straßen – und ein Präsident, der Nationalgarde und Marines nach Los Angeles schickt, gegen den erklärten Willen des Staatsoberhaupts.

Als ob das nicht reichte, wird der demokratische Senator Alex Padilla bei einer DHS-Pressekonferenz zu Boden gedrückt und in Handschellen gelegt. Währenddessen sitzt Gavin Newsom in Sacramento – kein Gouverneur mehr im Routinebetrieb, sondern ein Mann, der über Notfallpläne für seine eigene Festnahme nachdenkt. „Meine erste Reaktion war, es abzutun“, erzählt er. „Doch dann wurde klar: Das ist nicht witzig. Ich kenne Trump – und traue ihm das zu.“

Ein Schauplatz, wie geschaffen für die nationale Bühne

Newsom, lange als aalglatt und taktisch übervorsichtig verschrien, findet sich plötzlich in einer Rolle wieder, die ihn zwangsläufig nationalisiert: als Gegenspieler eines Präsidenten, der jeden Tag die institutionellen Leitplanken verschiebt. Seine bisherigen Versuche, allen Seiten zu gefallen – Podcasts mit Steve Bannon hier, rhetorische Balanceakte dort – verblassen vor der Wucht eines Showdowns, der ihn zwingt, Farbe zu bekennen. Newsom kennt das Spiel mit Tabubrüchen.

2004, als Bürgermeister von San Francisco, ließ er homosexuelle Paare heiraten, lange bevor die Rechtsprechung ihm Recht gab. Doch diesmal, sagt er, sei es anders: „Das ist nicht Politik. Das ist der Moment, in dem ich meinen Kindern in die Augen schauen muss.“ Seine Sprache ist rauer geworden, fast befreit. „Am Sonntag bin ich aufgewacht als ein anderer Mensch“, sagt er. „Wenn man mit der ganzen Macht des Bundes konfrontiert wird, wird manches sehr klar.“

Demokratie am Kipppunkt: Schleichende Eskalation

Das Land, sagt Newsom, befinde sich in einem »langsamen Aufkochen« – ein slow boil, bei dem die Temperatur stetig steigt, ohne dass jemand den Moment erkennt, in dem es zu kochen beginnt. Diese schleichende Eskalation treibe die Vereinigten Staaten nun gefährlich an den Rand. Der angekündigte Militärumzug in Washington – offiziell zum 250. Geburtstag der Armee und zum 79. des Präsidenten – sei ein Menetekel. „Man kann das hier sehr schnell verlieren“, warnt er. „Wir sind schon auf der anderen Seite.“

Dass ausgerechnet er nun mit Memes und Troll-Posts auf Trump reagiert – in Versalien, mit Ausrufezeichen, mit satirischen Fotomontagen – zeigt, dass Newsom verstanden hat: Das politische Spiel hat längst seine alten Formen verloren. In typischer Trump-Manier polterte Newsom jüngst auf X – überzogen und doch zielsicher:

»ALMOST A WEEK IN AND THEY STILL DON’T GET IT!!! TOTAL DISASTER FOR TRUMP AND HIS CLOWN CREW!!! TO THE EXTENT IT’S GOTTEN SOME ATTENTION, I’M PLEASED…VERY PLEASED. GCN«

Eine Parodie, die sitzt – weil sie Trumps Sound so exakt kopiert. Der Gouverneur zeigt damit, dass er die Regeln längst verinnerlicht hat: Wer Trump entgegentreten will, muss ihn auf der Bühne schlagen, die er selbst geschaffen hat.

Gavin Newsom, oft verspottet als taktierender Schönling, ist in den letzten Tagen in eine Rolle hineingewachsen, die ihm niemand zugetraut hätte: die des Demokraten, der Trump frontal die Stirn bietet. Ob aus Kalkül oder aus Notwehr – es ist der Moment, in dem er aufgehört hat, zu viel nachzudenken. Und vielleicht der Beginn seiner eigentlichen politischen Karriere.

Quellenhinweise
• The New York Times: „Trump Deploys National Guard Against California Governor’s Wishes“
• The Guardian: „California’s Newsom Faces Unprecedented Federal Clampdown Amid Protests“
• The Daily Beast: „Tarred, Feathered, or Arrested? Trump Allies Threaten California’s Governor“
• Politico: „Padilla Handcuffed as DHS Chaos Unfolds in Los Angeles“
• The Atlantic: „The Moment Gavin Newsom Stopped Overthinking“
• Associated Press: „Protests Intensify After Federal Agents Clash With California Officials“