»American Avatar«: Das Erscheinungsbild als Richtmaß

»American Avatar«: Das Erscheinungsbild als Richtmaß

Der Präsident als Avatar: Joe Biden entspricht nicht mehr dem kollektiven Ideal.

Das Editorial Board der New York Times veröffentlichte in dieser Woche ein 5.000 Wörter langes Essay mit dem eindringlichen Titel „Trump is not fit to lead“. Getrieben von der alles dominierenden Suche nach persönlicher Macht und Vergeltung könne dieser dem Elektorat keinen konstruktiven Plan präsentieren. Das Amt des Präsidenten verlange vielmehr nach einem Führer, der Qualitäten und Werte verkörpere: Bei diesen ethischen Kriterien versage Trump. Wenn jemand so viele Eignungsprüfungen nicht besteht, vertraue man ihm nicht den wichtigsten Job der Welt an. So einfach sei das.

Dieser redaktionelle Konsens – herangereift lange vor Joe Bidens ungenügender Debattenleistung – spiegelt konsequent die Bedenken des Boards über Trump wider. Nicht politische Differenzen stehen dabei im Vordergrund, sondern zwei völlig unterschiedliche Visionen von Amerika: eine pluralistische, die sich zu Menschenrechten, Wohlstand und reproduktiver Freiheit bekennt, Werte, die den meisten Amerikanern wichtig sind und die andere, düstere Weltsicht, die Trump vertritt, welche eine der Vergeltung, des Autoritarismus, des Rassismus und von extremer Engstirnigkeit ist.

Dies ist nicht die Richtung, in die die Mehrheit der Amerikaner sich bewegt. Doch es ist wichtig, Trumps Worte ernst zu nehmen. Seine Präsidentschaft war von zahlreichen Entgleisungen geprägt, darunter seine berüchtigte Bemerkung, die Neo-Nazis bei ihrem Aufmarsch in Charlottesville als „feine Leute“ zu bezeichnen und den Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 als Tat von „Patrioten“ zu glorifizieren, vor denen er auf einer Rallye sogar einmal zur Nationalhymne salutierte. Die Liste solcher alarmierender Vorfälle ist lang: Anlass für tiefe Besorgnis, nicht nur für Progressive oder Demokraten, sondern für die freie Welt.

An diese Hässlichkeiten und Beleidigungen erinnere auch die Kundgebung Trumps in Florida, die er nach seiner Rückkehr vom Golfplatz abhielt, heißt es in dem Op-Ed. Erneut würde das Land die Lügen und die Spaltung sehen, was einen klaren Vergleich zu Joe Biden ermögliche. Es ginge nicht darum, Biden persönlich anzuzweifeln, der in seiner Partei weiterhin beliebt bleibe. Die Frage sei vielmehr, ob er Donald Trump besiegen könne. Ob Biden noch vier Jahre im Amt bleibe, wäre dabei nicht so entscheidend, sondern, ob er Trump an der Wahlurne schlagen kann.

Der Präsident könnte sich nach seiner Debatte aus einer misslichen Lage herausgewunden haben, nachdem die Demokraten ihre Chance verpasst hatten, aber die Unsicherheit bleibt bestehen. In seinem Alter und mit den Bildern seines epischen Debattenzusammenbruchs in Atlanta noch frisch im Gedächtnis der Öffentlichkeit, ist Joe Biden definitiv kein Houdini.

Doch mit der scheinbar gelähmten Demokratischen Partei, die zwischen der Angst vor einer zweiten Präsidentschaft von Donald Trump und der Angst vor den Folgen entschiedenen Handelns schwankt, gelingt dem US-Präsidenten – abgesehen von kleinen Pannen – möglicherweise eines der größten politischen Entfesselungskunststücke der Geschichte.

Ein Treffen der Mitglieder des Repräsentantenhauses der Partei im Hauptquartier des Demokratischen Nationalkomitees in Washington endete am Dienstag ohne einen entschlossenen Appell für ein Ausscheiden von Biden als Präsidentschaftskandidat.

Im Gegenteil, der 81-jährige Präsident – letzte Woche noch so nahe am politischen Niedergang – schien am Ende der Veranstaltung unerwartet reanimiert; Mitglieder, die zuvor sein baldiges Ende prophezeiten, änderten plötzlich ihre Meinung.

Jerry Nadler, ein Kongressabgeordneter aus New York, der erst am Sonntag privat dazu aufgerufen hatte, dass Biden seine Kampagne aufgrund der omnipräsenten Bedenken hinsichtlich seines Alters und seiner geistigen Fähigkeiten aufgeben solle, wischte nun seine vorherigen Bedenken als „nebensächlich“ beiseite: „Er wird unser Kandidat sein!“

Weit entfernt von glühender Unterstützung, war es dennoch eine Art Triumph für Biden,
der am Vorabend bereits bei den schwarzen und hispanischen Kongressfraktionen Zustimmung verzeichnete  – und eine Belohnung für seinen Mut, an die demokratische Kongressfraktion zu schreiben, um ihnen mitzuteilen, dass er entschlossen sei, den Kurs zu halten, komme, was wolle.

Eine siebte Kongressabgeordnete, Mikie Sherrill aus New Jersey, fügte am Dienstag ihre Stimme denen hinzu, die bereits öffentlich gefordert hatten, dass Biden nach seinem verwirrenden Auftritt in der Debatte am 27. Juni, als er machtlos schien, einem Strom von Unwahrheiten von Trump entgegenzuwirken, zurücktreten solle. Doch es führte nicht zu einem überwältigenden Aufschrei, und alle Anzeichen deuteten darauf hin: Biden konnte sich aus der Falle befreien.

Vielleicht haben die Bedenkenträger in seiner Partei  akzeptiert, dass es keine Alternative zu ihm gibt, und der Status quo das einzige mögliche Ergebnis ist, solange Biden entschlossen ist, und das ist er eindeutig. Seinen Kritikern hingegen mangelt es an Willenskraft.

Die Möglichkeit, das Problem zu lösen, bestand in den 24 bis 48 Stunden nach der Debatte.
Das war die Chance für eine überwältigende Anzahl der Kongressmitglieder und Spender, herauszukommen und klar zu sagen: Biden muss das Rennen verlassen. Aber sie taten es nicht. Niemand wollte der Erste sein, jeder wartete darauf, dass jemand anderes den ersten Schritt macht. Also kam Biden politisch wieder auf die Beine und den Rest erledigten seine Mitarbeiter.

Bedeutet dies, dass Biden nun sicher der demokratische Kandidat gegen Trump im November sein wird – ein Wettbewerb, bei dem die meisten Umfragen ihn hinten sehen, wenn auch mit einem kleineren Abstand als die anfänglichen Debattenauswirkungen vermuten ließen?

Nicht unbedingt: Die Unsicherheit wird dadurch angeheizt, dass das Gefühl besteht, Biden werde in den kommenden Tagen und Wochen weiteren verbalen Stolperern ausgesetzt sein, was wahrscheinlich erneute Zweifel an seiner geistigen Kompetenz anheizt. Bedenken bezüglich der kognitiven Fähigkeiten des Präsidenten und altersbedingte Abbauerscheinungen könnten auch weiterhin ein Fressen für die Presse sein, die Bidens Kandidatur endgültig versenke.

Einmal Blut geleckt wird die Öffentlichkeit auf den nächsten Patzer und Fehltritt warten und ein Ende ist nicht absehbar. Alarmierend sind auch durchsickernde Berichte über Besuche eines auf  Parkinson spezialisierten Arztes. Vorhersagen, dass die Demokraten bereit sind, sich hinter Biden zu vereinen, könnten noch immer verfrüht sein – trotz der vom Weißen Haus orchestrierten Gegenoffensive. Auch beim Nato-Gipfel wirkte Biden deutlich geschwächt, seine politische Macht scheint aufs Spiel gesetzt. All dies wirft die Frage auf, ob sich seine Kandidatur noch retten lässt. Wenn Biden sich doch noch durchsetzt: Kann er die Wahlschlacht gegen Trump dann gewinnen? Vielleicht, weil Trump für die Mehrheit eine existentielle Bedrohung bleibt.

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